09.02.2021 08:45 Uhr

TC Blau-Weiß Wanne-Eickel: Win-Win-Situation durch Inklusion

Interview mit Präsident Norbert Zielonka

© TC Blau-Weiß Wanne-Eickel

Inklusion in die Vereine tragen und mehr Angebote für Menschen mit einer Beeinträchtigung schaffen – das ist das Ziel des Deutschen Tennis Bundes und der Gold-Kraemer-Stiftung. Ein Beispiel, wie das erfolgreich umgesetzt werden kann, ist der 200 Mitglieder starke TC Blau-Weiß Wanne-Eickel, der Gehörlosentennis und Rollstuhltennis anbietet. Im Interview spricht dessen Präsident Norbert Zielonka über Motivation, Chancen und Herausforderungen dieses Engagements.

Herr Zielonka, Inklusion wird beim TC Blau-Weiß Wanne-Eickel seit einigen Jahren großgeschrieben. Welche Angebote gibt es aktuell für Menschen mit einer Beeinträchtigung?

Wir bieten sowohl Rollstuhltennis als auch Gehörlosentennis an. Letzteres wird bei uns auf der Anlage schon seit 2016 gespielt, zurzeit haben wir fünf Gehörlosenspieler*innen im Verein. Seit diesem Mai ist Rollstuhltennis hinzugekommen, dafür haben wir uns eigens Sportrollstühle angeschafft. Da dieses Angebot noch recht jung ist, sind derzeit nur drei Mitglieder im Rollstuhltennis aktiv – was aber aufgrund der diesjährigen Ausnahmesituation aufgrund der Coronapandemie eine zufriedenstellende Quote ist.

Wie kam es zu der Idee, diese inklusiven Angebote im Verein zu etablieren?

In Essen – also ganz in der Nähe – gibt es eine große Gehörlosenschule, in der gleich mehrere Schüler*innen ihr Interesse am Tennissport bekundet hatten. Als wir davon erfahren haben, war das für uns Anlass genug, um Gehörlosentennis anzubieten. Unser Vereinstrainer Oliver Buschmann hat die Gruppe aufgebaut. Im Selbsttest erforschte er, wie wichtig das Gehör beim Tennis ist, so dass er sich anschließend besonders engagierte und die Spieler*innen mit seiner Art, Training zu geben, faszinierte. Zunächst lief das Training der Gehörlosen parallel zum sonstigen Vereinsleben ab. Da für uns Inklusion aber eben gemeinsames Sporttreiben bedeutet, haben wir diese Aktiven relativ schnell in unsere Mannschaften eingebunden. Mittlerweile sammeln hörende und gehörlose Spieler*innen an den Wochenenden regelmäßig gemeinsam Punkte für unseren Verein!

Im Rollstuhltennis war der Anlass, diese Disziplin bei uns einzuführen, das persönliche Schicksal eines jungen Vereinsmitglieds, das an Rückenmarkkrebs erkrankt und seitdem auf den Rollstuhl angewiesen ist. Um ihm seinen Lieblingssport weiterhin zu ermöglichen, haben wir beschlossen, uns des Themas Rollstuhltennis anzunehmen und ihn auf seinem Weg zu unterstützen.

Wie sind Sie vorgegangen, um die verschiedenen Angebote in Ihrem Verein umzusetzen?

Zunächst einmal war es für mich als Präsident des TC Blau-Weiß Wanne-Eickel enorm motivierend, dass unsere Vereinsmitglieder von sich aus sehr viel Interesse am Thema Inklusion gezeigt haben. So hat unser Vereinstrainer Oliver Buschmann eigeninitiativ Trainerfortbildungen besucht, um sich in dem Bereich das notwendige Wissen anzueignen und eine gewisse Sicherheit im Training mit Menschen mit einer Beeinträchtigung zu gewinnen. Ohne weitere Unterstützung von außen wäre es aber trotzdem schwierig geworden, die inklusiven Angebote aus der Taufe zu heben. Insbesondere der DTB-Referent für Parasport und Inklusion, Niklas Höfken, hat uns mit seinem Knowhow enorm geholfen.

Wie lief denn diese Beratung ab?

Durch Niklas, der neben seiner Verbandstätigkeit für die in Köln ansässige Gold-Kraemer-Stiftung auch das Projekt „Tennis für Alle“ leitet, haben wir zunächst einmal ermittelt, wo wir als Verein stehen. Dabei spielte das Thema Barrierefreiheit natürlich eine zentrale Rolle, aber auch die Frage nach möglichen Kooperationspartnern, die uns unterstützen.

Wie sieht diese Unterstützung durch Partner von außen konkret aus?

Wir haben schnell gemerkt, dass wir in verschiedenen Bereichen das Netzwerk von Kooperationspartnern benötigen. Nach der ersten Beratung durch Niklas Höfken haben wir uns an den Stadtsportbund Herne gewandt. Von dort kommen Anregungen und so manche Tür, die ansonsten vielleicht verborgen oder verschlossen wäre, öffnet sich. Auch die manchmal typisch langen bürokratischen Bearbeitungszeiten sind dadurch deutlich kürzer geworden. Der Beirat für die Belange von Menschen mit Behinderung der Stadt Herne unterstützt uns im politischen Sinne und macht unser Engagement bei seinen Mitgliedern, z. B. den Wohlfahrts- und Sozialverbänden publik.

Außerdem mussten wir uns überlegen, wie wir noch mehr Menschen mit Behinderung erreichen und sie für unsere Angebote begeistern. Die Wewole-Stiftung aus Herne, die dieser Zielgruppe Angebote in den Bereichen Werken, Wohnen und Lernen macht, hatte bis dato noch kein eigenes Sportangebot. Jetzt arbeiten wir zusammen und konnten zum Beispiel unsere Werbemittel bei der Wewole-Stiftung auslegen. Kurzfristiges Ziel ist es, die zahlreichen Interessenten für das Gehörlosen- und Rollstuhltennis in den Trainingsbetrieb zu integrieren. Dazu wird der Fahrdienst der Wewole-Stiftung die Interessenten zu unserer Anlage bringen und nach dem Training auch wieder abholen. Ansonsten unterstützen wir uns wechselseitig in der Öffentlichkeitsarbeit.

Man kann also von einer klaren Win-Win-Situation sprechen, denn von unserem inklusiven Programm profitieren die Menschen mit einer Behinderung ebenso wie wir als Club, der sich einer neuen Personengruppe öffnet und dadurch Mitglieder gewinnt, die das Vereinsleben bereichern.

Welche kommunikativen Maßnahmen haben Sie darüber hinaus ergriffen?

In erster Linie haben wir versucht, unser Angebot über Flyer und Plakate an die Zielgruppe zu kommunizieren. Die Werbemittel haben wir zum Beispiel im örtlichen Sanitätshaus oder wie gesagt bei der Wewole-Stiftung ausgelegt. Darüber hinaus haben wir für beide Disziplinen jeweils einen kurzen Imagefilm drehen lassen und diese auf der Vereins-Webseite und über unsere Social-Media-Kanäle ausgespielt. Die Resonanz ist ausgesprochen positiv. Im Nahbereich sowieso und bei Facebook und Instagram ebenfalls. Dort folgen uns ganz viele Tennisvereine in Deutschland, aber auch aus dem Ausland wie z. B. der Österreichische Rollstuhltennisverband. Follower sind auch Judy Murray, die Mutter von Andy Murray, Mark Kevin Goellner, Alexander Waske und natürlich Niklas Höfken.

So ein Projekt bringt natürlich immer Höhen und Tiefen mit sich. Was waren bisher die größten Herausforderungen?

Wenn man inklusiv tätig werden will, kommt man um das Thema Barrierefreiheit nicht herum. Dennoch habe ich mir die Sache nicht so kompliziert und kostspielig vorgestellt. Die Stufen auf der Clubanlage waren nur eine von vielen Baustellen. Wir müssen unsere Sanitäranlagen um- und ausbauen, die Sportrollstühle passen nicht durch die Türen und einige Plätze sind zu weich, so dass die Spieler im Sommer teilweise steckengeblieben sind. Da fallen dann Schritt für Schritt immer mehr Kosten an, die man aber glücklicherweise nicht selber tragen muss. Erst vor kurzem haben wir einen Förderantrag bei der Staatskanzlei in Nordrhein-Westfalen eingereicht, die mit dem Förderprogramm „Moderne Sportstätte 2022“ rund 300 Millionen Euro in den Ausbau von Sportstätten investiert.

Wie hat sich das Vereinsleben durch die neuen Tennis-Disziplinen und Mitglieder verändert?

Das Miteinander im Verein ist mir persönlich am Allerwichtigsten. Ich wollte schon immer, dass Frau und Mann, Alt und Jung nicht nur untereinander, sondern miteinander Tennis spielen. So haben wir das auch bei den Gehörlosen gehandhabt und werden beim Rollstuhltennis ähnlich vorgehen. Leider erschwert uns Corona die Integration der Rollstuhlfahrer*innen aktuell. Man merkt dennoch, dass der Großteil unserer angestammten Mitglieder durchweg positiv reagiert.

Zum Schluss gilt es, den Blick nach vorne zu richten. Was sind Ihre zukünftigen Pläne beim Thema Inklusion?

Ziel ist es, irgendwann breitensportliche Turniere im Rollstuhltennis anzubieten. Vorher muss die Anlage aber komplett barrierefrei sein. Deshalb gilt es zunächst, die vielen verschiedenen Baumaßnahmen über den Winter abzuschließen, um im Sommer voll durchstarten zu können. Ansporn ist auch, dass die Wewole-Stiftung schon 16 Rollstuhlfahrer*innen angemeldet hat, die das Tennisspielen gerne ausprobieren möchten!

Interview: Deutscher Tennis Bund

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